„Und was mache ich jetzt damit?"

Stellen Sie sich einen Menschen vor, der seit Jahren immer wieder in Beziehungen gerät, die auf dieselbe Weise enden. Anfangs ist da große Nähe. Endlich jemand, der ihn versteht. Nach einigen Monaten wird der andere unzuverlässig, kühl oder abwesend. Er wartet, erklärt, entschuldigt, hofft und beginnt schließlich, um etwas zu kämpfen, das längst nicht mehr freiwillig gegeben wird.
Im Gespräch sagt er:
„Ich weiß schon, warum ich das mache. Mein Vater war genauso. Aber was mache ich jetzt damit?"
Die Frage ist verständlich. Sie enthält Ungeduld, Ratlosigkeit und eine berechtigte Erwartung an Psychotherapie. Wer Zeit, Geld und Hoffnung in eine Behandlung investiert, möchte irgendwann mehr hören als: Interessant, das erinnert an Ihre Kindheit.
Man hätte gern eine klare Antwort. Vielleicht drei Übungen, einen Fünfpunkteplan und eine farblich ansprechende Tabelle, in die man das neue Verhalten bis kommenden Dienstag einträgt.
Die Psyche zeigt sich davon meist unbeeindruckt.
Ein Mensch kann sehr genau wissen, dass er sich aus Verlustangst anpasst, seine Wut gegen sich selbst richtet oder immer wieder unerreichbare Partner wählt. Trotzdem passt er sich am nächsten Morgen erneut an. Trotzdem entschuldigt er sich für einen Ärger, den er mit gutem Grund empfindet. Trotzdem verliebt er sich wieder in jemanden, der emotional ungefähr so erreichbar ist wie eine geschlossene Behörde am Freitagnachmittag.
Wissen ist wichtig.
Nur reicht es oft nicht.
Genau an dieser Stelle beginnt tiefenpsychologische Psychotherapie.
Tiefenpsychologie ist kein Seminar über die eigene Kindheit
Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gehört zu den psychoanalytisch begründeten Verfahren. Nach der deutschen Psychotherapie-Richtlinie beschäftigt sie sich mit der unbewussten Psychodynamik gegenwärtig wirksamer Konflikte und struktureller Schwierigkeiten. Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand gehören ausdrücklich zu ihrem Arbeitsfeld. Im Unterschied zur klassischen analytischen Psychotherapie wird der therapeutische Prozess stärker begrenzt und auf einen gegenwärtig bedeutsamen Konflikt, ein Behandlungsziel oder bestimmte strukturelle Einschränkungen konzentriert.
Das klingt fachlich korrekt und hat ungefähr die Wärme einer Gebrauchsanweisung für einen Heizungskessel.
Was bedeutet es im wirklichen Leben?
Zunächst, dass Ihr gegenwärtiges Leiden eine Geschichte besitzt. Diese Geschichte besteht nicht nur aus Ereignissen. Zwei Menschen können Ähnliches erlebt haben und daraus sehr unterschiedliche innere Welten entwickeln.
Ein Kind erlebt beispielsweise, dass seine Mutter häufig erschöpft, traurig oder mit sich selbst beschäftigt ist. Das eine Kind beginnt, besonders leistungsfähig und unauffällig zu werden. Es versucht, keine zusätzliche Last zu sein. Ein anderes wird laut, fordernd und kaum zu beruhigen, weil es die abwesende Aufmerksamkeit erzwingen muss. Ein drittes zieht sich innerlich zurück und erwartet von Beziehungen bald nicht mehr viel.
Das äußere Geschehen mag ähnlich sein. Die seelische Antwort ist es nicht.
Tiefenpsychologische Psychotherapie rekonstruiert deshalb keine schlichte Kausalkette nach dem Muster:
Schwierige Kindheit hinein, Depression heraus.
Sie fragt genauer: Welche Bedeutung bekam eine Erfahrung? Welche Erwartung an Beziehungen entstand daraus? Was musste ein Mensch tun, fühlen oder gerade nicht fühlen, um in seinen damaligen Verhältnissen zurechtzukommen?
Die Vergangenheit interessiert, weil sie nicht vergangen ist.
Sie lebt in Gewohnheiten, Körperreaktionen, Ängsten, Beziehungserwartungen und Entscheidungen weiter. Meist tritt sie nicht in historischen Kostümen auf. Die Personen wechseln. Das Stück bleibt erstaunlich vertraut.
Was erinnert wird und was stattdessen wiederkehrt
Sigmund Freud beschrieb 1914 einen Vorgang, der bis heute zum Kern psychoanalytischer Behandlung gehört: Menschen erinnern bestimmte Erfahrungen nicht einfach wie eine längst abgelegte Geschichte. Sie wiederholen sie. Sie bringen etwas in Handlung und Beziehung hervor, das ihnen selbst kaum bewusst ist. Die Vergangenheit erscheint nicht nur als Erzählung. Sie wird Gegenwart (Freud, 1914/1946).
Ein Mensch erzählt etwa, dass er ständig übergangen werde. Während der Stunde spricht er jedoch ohne Pause, beantwortet seine eigenen Fragen und lässt kaum eine Stelle entstehen, an der die Therapeutin tatsächlich etwas sagen könnte.
Ein anderer beklagt, niemand interessiere sich wirklich für ihn. Gleichzeitig antwortet er auf jede persönlichere Nachfrage mit einer sachlichen Erklärung, wechselt das Thema und hält sein Gegenüber freundlich auf Abstand.
Eine Patientin fürchtet, von anderen vereinnahmt zu werden. Sie sagt Termine kurzfristig ab, kommt zu spät und lässt damit die Therapeutin warten. Unbewusst stellt sie genau jene ungleiche Beziehung her, vor der sie sich selbst schützen muss: Einer wartet und ist abhängig, die andere bestimmt Nähe und Entfernung.
Das bedeutet nicht, dass jede Verspätung ein tiefes Beziehungssymbol darstellt. Manchmal fährt die Straßenbahn tatsächlich nicht. Auch in Leipzig kommt das vor, ohne dass sich sofort der Ödipuskomplex einmischt.
Entscheidend ist die Wiederholung.
Wenn ein ähnlicher Vorgang immer wieder entsteht, wenn er dieselbe Stimmung erzeugt und verschiedene Menschen regelmäßig in eine bestimmte Rolle geraten, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Die Psychoanalyse nennt diesen Vorgang Übertragung.
Übertragung: Die alte Bühne mit neuer Besetzung
Übertragung bedeutet nicht bloß, dass ein Patient die Therapeutin mit seiner Mutter verwechselt.
So grob arbeitet die Psyche selten.
Gemeint ist, dass frühere Beziehungserfahrungen unsere Wahrnehmung gegenwärtiger Beziehungen mitformen. Wir erwarten etwas, fürchten etwas, hoffen auf etwas und beginnen häufig, uns so zu verhalten, dass die alte Erwartung erneut plausibel wird.
Wer früh gelernt hat, dass Zuwendung nur durch Leistung erreichbar ist, kann auch in der Therapie besonders klug, reflektiert und angenehm sein wollen. Er bringt gut vorbereitete Gedanken mit, merkt sich jede Deutung und wird zum ausgezeichneten Patienten. Das ist zunächst erfreulich. Therapierende sind schließlich auch nur Menschen und nicht völlig frei von der Versuchung, sich über einen solchen Behandlungserfolg zu freuen.
Auffällig wird es, wenn dieser Mensch nichts Ungeordnetes mehr mitbringen kann. Keine Wut, keine Abhängigkeit, keine Ratlosigkeit, keinen Gedanken, der noch nicht sorgfältig gebügelt wurde. Er führt nun auch die Psychotherapie so, wie er sein übriges Leben führt: leistungsfähig, rücksichtsvoll und innerlich allein.
Die Behandlung könnte äußerlich reibungslos verlaufen.
Nur das eigentliche Problem würde sich darin fortsetzen.
Freud beschrieb Übertragung deshalb nicht als Störung der Behandlung, die möglichst rasch beseitigt werden müsse. Sie ist der Ort, an dem das Vergangene in einer gegenwärtigen Beziehung sichtbar und bearbeitbar wird (Freud, 1912/1943).
Thomas Pollak formuliert die psychoanalytische Arbeit als eine besondere Form professioneller Beziehungsresonanz: Der Analytiker wird für eine begrenzte Zeit zu einem bedeutsamen Anderen und muss zugleich den Zugang zu den eigenen seelischen Reaktionen offenhalten. Das erfordert weit mehr als freundliches Zuhören. Es verlangt fortlaufende Selbstprüfung.
Und was macht die Therapeutin dabei?
Sie hört zunächst zu.
Das klingt bescheidener, als es ist.
Ich höre nicht nur darauf, was ein Mensch erzählt. Mich interessiert auch, wie er erzählt. Wo wird seine Stimme leiser? Welche Vorgänge schildert er ausführlich, welche streift er in einem Nebensatz? Wann spricht er plötzlich sehr vernünftig, obwohl etwas offensichtlich schmerzhaft ist? Wann beginnt er zu lächeln, während er von einer Demütigung berichtet? Was geschieht in seinem Körper? Was geschieht zwischen uns?
Manchmal frage ich nach.
Manchmal formuliere ich eine Vermutung.
Manchmal widerspreche ich.
Manchmal sage ich auch eine Weile nichts. Nicht als geheimnisvolle Machtdemonstration, sondern weil ein vorschneller Satz einen Vorgang schließen kann, der gerade erst spürbar wird.
Ich arbeite nicht als schweigendes Orakel, das hinter einem undurchdringlichen Gesicht auf den entscheidenden Versprecher wartet. Ich sitze meinen Patienten in der Regel gegenüber. Ich spreche mit ihnen, prüfe gemeinsam Zusammenhänge und benenne auch, wenn sich zwischen uns etwas wiederholt.
Deutungen sind dabei keine Offenbarungen.
Eine Deutung ist eine begründete Hypothese. Sie muss zu dem passen, was ein Mensch erlebt, zu seiner Biografie, zum Verlauf der Stunde und zum Beziehungsgeschehen. Sie darf überraschen. Sie sollte aber nicht wie ein Fremdkörper in den Raum fallen, den der Patient nur aus Ehrfurcht vor der Fachkunde schluckt.
Ein Patient kann sagen:
„Nein. So ist es nicht."
Das ist kein Beweis seiner Abwehr. Vielleicht war die Deutung schlicht falsch.
Auch Psychotherapeutinnen besitzen ein Unbewusstes. Das macht die Sache fachlich interessant und menschlich etwas weniger majestätisch.
Gegenübertragung: Was die Therapeutin in der Beziehung erlebt
Wenn ein Mensch mir gegenübersitzt, bleibt mein eigenes Erleben nicht ausgeschaltet.
Ich kann mich plötzlich ungewöhnlich müde fühlen. Besonders fürsorglich. Ungeduldig. Beeindruckt. Verunsichert. Ich kann den Wunsch verspüren, jemanden zu retten, ihm etwas zu beweisen oder ihn innerlich von mir wegzuschieben.
Solche Regungen nennt man Gegenübertragung.
Früher wurden sie eher als störende persönliche Reaktionen der Analytikerin betrachtet. Paula Heimann gehörte zu denjenigen, die den Begriff entscheidend erweiterten: Die emotionale Antwort der Behandelnden kann ein Instrument sein, um etwas vom unbewussten Erleben des Patienten und vom gemeinsamen Beziehungsgeschehen zu verstehen (Heimann, 1950).
Das heißt keineswegs, dass jedes Gefühl der Therapeutin eine geheime Wahrheit über den Patienten enthüllt.
Vielleicht bin ich müde, weil ich schlecht geschlafen habe.
Vielleicht ärgere ich mich, weil vor der Stunde die Kaffeemaschine beschlossen hat, ihr eigenes Unbewusstes auszuleben.
Gegenübertragung wird erst dann zum Erkenntnismittel, wenn sie geprüft wird. Passt die Reaktion zum Verlauf der Stunde? Tritt sie bei diesem Menschen wiederholt auf? Berichtet er, dass andere ähnlich reagieren? Welche eigenen Empfindlichkeiten der Therapeutin könnten beteiligt sein?
Dafür braucht es Ausbildung, eigene Selbsterfahrung, Supervision und die Bereitschaft, sich fachlich nicht mit der eigenen Intuition zu verwechseln.
Heinrich Racker hat Übertragung und Gegenübertragung deshalb als zusammengehörigen Prozess verstanden. Was zwischen Patient und Therapeut entsteht, gehört keinem von beiden allein. Beide tragen dazu bei, allerdings mit ungleicher Verantwortung: Die Therapeutin ist verpflichtet, ihre Beteiligung zu untersuchen, statt sie unbemerkt am Patienten auszuleben (Racker, 1968).
Warum ein Symptom nicht einfach verschwinden möchte
Menschen kommen gewöhnlich in Psychotherapie, weil etwas aufhören soll.
Die Panikattacken. Das Grübeln. Die Antriebslosigkeit. Das zwanghafte Kontrollieren. Das Trinken. Die Schlaflosigkeit. Die Eifersucht. Die körperlichen Schmerzen.
Dieser Wunsch ist vernünftig.
Nur hat ein Symptom häufig ein Doppelleben.
Es verursacht Leiden und erfüllt zugleich eine Funktion. Es schützt vor einem Konflikt, hält eine Beziehung zusammen, verhindert eine gefürchtete Entscheidung oder bindet ein Gefühl, das sonst kaum auszuhalten wäre.
Nehmen wir eine Frau, die kurz vor einer beruflichen Beförderung plötzlich Panikattacken entwickelt.
Die naheliegende Erklärung lautet: Die neue Aufgabe überfordert sie.
Das kann stimmen.
Vielleicht bedeutet die Beförderung aber noch etwas anderes. Sie müsste sichtbarer werden, Verantwortung übernehmen, Kollegen führen und möglicherweise eine bisherige Zugehörigkeit verlassen. In ihrer Familie galt Erfolg als verdächtig. Wer sich hervorhob, wurde belächelt oder als überheblich behandelt. Die neue Position verspricht Anerkennung und bedroht gleichzeitig eine alte Bindung.
Die Panik sagt nicht in deutscher Sprache:
„Ich fürchte, durch meinen Erfolg die Zugehörigkeit zu meiner Herkunftsfamilie zu verlieren."
Sie lässt das Herz rasen.
Das Symptom verhindert die Beförderung und bewahrt die alte Zugehörigkeit. Es schützt und schadet zur selben Zeit.
Thomas Vogt erinnert in seiner diagnosekritischen Betrachtung daran, dass Symptome aus psychoanalytischer Sicht als Kompromissbildungen verstanden werden: Gegensätzliche Wünsche, Ängste und Verbote finden darin eine vorläufige gemeinsame Form. Wird ausschließlich die sichtbare Störung angegriffen, kann der innere Konflikt unberührt bleiben oder an anderer Stelle wiederkehren.
Das bedeutet nicht, dass man ein quälendes Symptom ehrfürchtig konservieren muss, bis seine letzten symbolischen Feinheiten verstanden sind.
Man darf Panik lindern. Man darf Schlaf verbessern. Man darf einem Menschen helfen, wieder zu essen, zu arbeiten oder die Wohnung zu verlassen.
Aber wenn ein Symptom eine seelische Aufgabe übernommen hat, benötigt der Mensch für diese Aufgabe eine andere Lösung. Sonst wird lediglich der Wachposten entfernt, während die Gefahr im Inneren fortbesteht.
„Ich weiß doch längst, dass ich Grenzen setzen muss"
Besonders deutlich wird das beim Rat.
Viele Menschen wissen bereits, was sie tun sollten.
Grenzen setzen. Weniger arbeiten. Nein sagen. Sich von ungeeigneten Partnern trennen. Nicht ständig das Handy kontrollieren. Früher schlafen. Weniger trinken. Mehr auf die eigenen Bedürfnisse achten.
An guten Ratschlägen herrscht selten Mangel. Freunde, Zeitschriften, Podcasts und soziale Medien haben gewöhnlich bereits eine kleine Beraterkonferenz einberufen.
Die Schwierigkeit beginnt in dem Moment, in dem der Mensch anders handeln müsste.
Eine Patientin weiß, dass sie ihrem Vorgesetzten widersprechen darf. Sobald er jedoch scharf wird, lächelt sie, entschuldigt sich und übernimmt die zusätzliche Aufgabe. Erst zu Hause wird sie wütend. Nun allerdings auf sich selbst.
Man könnte ihr erneut erklären, dass sie Grenzen setzen muss.
Sie würde vermutlich zustimmen.
Nur erreicht dieser Rat nicht den Augenblick, in dem ihr Körper erstarrt, ihr Denken enger wird und aus dem erwachsenen Vorgesetzten unmerklich jene alte Autorität wird, von deren Stimmung früher Sicherheit und Zuwendung abhingen.
Die therapeutische Frage lautet deshalb nicht nur:
Warum sagen Sie nicht Nein?
Sie lautet:
Was geschieht in Ihnen, unmittelbar bevor Sie Ja sagen?
Was fürchten Sie in diesem Moment?
Wen erleben Sie in Ihrem Gegenüber?
Und wer werden Sie selbst?
Ich gebe durchaus praktische Hinweise, wenn sie sinnvoll sind. Psychoanalytisches Arbeiten verlangt nicht, dass man einen brennenden Vorhang zunächst ausführlich nach seiner unbewussten Bedeutung befragt.
Doch der Rat bleibt begrenzt. Entscheidend ist, weshalb ein Mensch etwas nicht tun kann, das er vernünftig längst für richtig hält.
Die therapeutische Beziehung ist keine Zugabe
Häufig wird Psychotherapie so vorgestellt, als gäbe es eine Methode, die von einer möglichst neutralen Person angewendet wird.
Dann wäre die Beziehung nur die freundliche Verpackung der eigentlichen Technik.
In psychoanalytischen Verfahren ist sie selbst ein Teil der Methode.
James Strachey beschrieb bereits 1934 die therapeutische Wirkung von Deutungen nicht als bloße intellektuelle Aufklärung. Entscheidend sei, dass eine unbewusste Beziehungserwartung in der aktuellen Beziehung zum Analytiker erkannt und in diesem Augenblick bearbeitet werde (Strachey, 1934).
Ein Mensch, der Widerspruch bisher mit Liebesverlust verbindet, braucht deshalb nicht nur die Erkenntnis, dass diese Angst aus seiner Vergangenheit stammt.
Er muss erleben können, dass er widerspricht und die Beziehung fortbesteht.
Eine Patientin, die immer stark sein musste, kann in der Therapie vielleicht erstmals in eine Situation geraten, in der sie etwas braucht, ohne sofort dafür bezahlen, leisten oder sich entschuldigen zu müssen.
Ein anderer Mensch muss entdecken, dass seine Wut den anderen nicht zwangsläufig zerstört.
Wieder jemand anderes muss erfahren, dass Nähe nicht nur durch Verschmelzung oder vollständigen Rückzug reguliert werden kann.
Solche Erfahrungen entstehen nicht durch ein einzelnes ergreifendes Gespräch. Sie benötigen Wiederholung, Verlässlichkeit und Zeit.
Winnicott beschrieb Entwicklung als einen Vorgang, der auf eine hinreichend tragfähige Umwelt angewiesen ist. Auch in einer Behandlung kann ein verlässlicher Rahmen etwas ermöglichen, das durch bloße Erklärung nicht hergestellt wird: Ein Mensch kann riskieren, ungeordneter, abhängiger, wütender oder eigenständiger zu werden, ohne dass die Beziehung sofort zusammenbricht (Winnicott, 1965).
Der Rahmen ist dabei sehr konkret.
Vereinbarte Zeiten. Vertraulichkeit. Grenzen. Ein Honorar. Regeln für Ausfälle. Keine private Freundschaft. Keine wechselseitige Versorgung. Kein Anspruch der Therapeutin, im Leben des Patienten die Hauptrolle zu übernehmen.
Die Beziehung ist menschlich.
Sie ist nicht privat.
Und sie ist nicht symmetrisch. Der Patient bringt seine Not, seine Geschichte und seine Abhängigkeit von der Behandlung ein. Die Therapeutin trägt die fachliche Verantwortung dafür, diese Ungleichheit nicht für eigene Bedürfnisse zu benutzen.
Widerstand: Wenn etwas nicht verändert werden will
Nun könnte man meinen, ein Mensch müsse nur verstanden haben, dass seine alten Lösungen heute schädlich sind. Dann könne er sie aufgeben.
So einfach ist es selten.
Freud bezeichnete jene Kräfte, die sich gegen das Bewusstwerden und gegen Veränderung richten, als Widerstand.
Der Begriff klingt schnell vorwurfsvoll. Als sei der Patient uneinsichtig, schwierig oder nicht hinreichend motiviert.
Das greift zu kurz.
Widerstand schützt.
Wenn ein Mensch sein Leben lang davon überzeugt war, nur durch Leistung liebenswert zu sein, bedroht der Verzicht auf Leistung nicht bloß seinen Terminkalender. Er bedroht sein Selbstgefühl und seine Hoffnung auf Zugehörigkeit.
Wenn eine Frau ihre Wut nicht spürt, ist sie nicht unbedingt zu wenig emanzipiert. Vielleicht hat Wut in ihrer Kindheit Beziehungen tatsächlich gefährdet.
Wenn ein Mann jede Abhängigkeit vermeidet, liegt darin womöglich keine oberflächliche Bindungsangst. Vielleicht bedeutete Abhängigkeit für ihn früher Demütigung, Kontrollverlust oder Gewalt.
Die Abwehr war einmal eine Lösung.
Das macht sie nicht für alle Zeiten sinnvoll. Es erklärt aber, weshalb man sie nicht einfach mit einem guten Argument aus der Hand schlägt.
Ein Mensch lässt seine Abwehr meist erst dann ein Stück weit los, wenn etwas anderes an ihre Stelle treten kann: eine größere innere Stabilität, ein differenzierteres Verständnis, eine tragfähigere Beziehung oder die Erfahrung, dass das gefürchtete Gefühl überlebt werden kann.
Durcharbeiten: Die unspektakuläre Seite der Veränderung
Freuds berühmte Formel lautet: Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten.
Das Durcharbeiten ist dabei der am wenigsten glamouröse Teil.
Es gibt keinen einzelnen Augenblick, in dem der Vorhang fällt, Musik einsetzt und der Mensch fortan frei von seiner Vergangenheit durch die Straßen schreitet.
Eine bedeutsame Erkenntnis kann zunächst sehr überzeugend wirken. In der nächsten belastenden Situation ist das alte Muster dennoch wieder da.
Dann wird erneut untersucht.
In einer anderen Beziehung erscheint es in leicht veränderter Form.
Dann noch einmal.
Der Patient erkennt früher, was geschieht. Vielleicht erst einige Tage später, dann am selben Abend, schließlich während des Vorgangs. Irgendwann entsteht eine kleine Pause zwischen Gefühl und Handlung.
In diese Pause kann eine Entscheidung treten.
Das ist Durcharbeiten.
Es bedeutet, einen Zusammenhang nicht nur intellektuell zu erfassen, sondern ihn in verschiedenen Situationen, Gefühlen und Beziehungen wiederzuerkennen. Die alte Reaktion verliert allmählich ihre Selbstverständlichkeit.
Ein Patient sagt zunächst nach jedem Konflikt sofort: „Dann hat es eben keinen Sinn."
Später bemerkt er, dass dieser Satz nicht die sachliche Bewertung der Beziehung ist, für die er ihn hielt. Er ist die Fluchttür, durch die er verschwindet, sobald er sich abhängig oder beschämt fühlt.
Noch später bleibt er im Gespräch.
Nicht immer. Aber häufiger.
Das klingt bescheiden.
Für jemanden, der sein Leben lang Beziehungen beendet hat, bevor der andere ihn enttäuschen konnte, ist es das nicht.
Wie arbeite ich persönlich?
Ich arbeite tiefenpsychologisch, beziehungsorientiert und mit einem deutlichen Interesse an Übertragung und Gegenübertragung.
Ich möchte wissen, welche Geschichte ein Symptom hat. Ebenso interessiert mich, was gegenwärtig geschieht: in Ihrer Partnerschaft, Ihrer Arbeit, Ihrem Körper, Ihrem sozialen Umfeld und zwischen uns.
Nicht jeder Konflikt stammt aus der Kindheit.
Manchmal ist der Arbeitsplatz tatsächlich ausbeuterisch. Manchmal verhält sich ein Partner lieblos. Manchmal ist eine Lebenssituation objektiv kaum zu ertragen. Psychodynamisches Verstehen darf reale Verhältnisse nicht in eine innere Empfindlichkeit umdeuten.
Psychoanalyse erweitert die Wirklichkeit.
Sie ersetzt sie nicht.
Ich höre zu, aber ich verstecke mich nicht vollständig hinter der Methode. Ich frage nach, fasse zusammen, formuliere Zusammenhänge und konfrontiere auch. Dabei versuche ich zu unterscheiden, was ein Mensch im Augenblick tragen und wofür er zunächst mehr Stabilität benötigt.
Nicht jede Phase einer Therapie verlangt dieselbe Arbeitsweise.
Manchmal steht das Verstehen eines Konflikts im Vordergrund. Manchmal muss ein Patient zunächst lernen, starke Affekte wahrzunehmen, ohne von ihnen überflutet zu werden. Manchmal geht es um Grenzen, Schutz und konkrete Entscheidungen. Manchmal ist die wichtigste Arbeit, dass zwei Menschen eine Weile bei etwas bleiben, das bisher sofort erklärt, bagatellisiert oder in Handlung verwandelt wurde.
Ich arbeite nicht mit einem starren Programm, das jede Woche unabhängig vom Patienten seine nächste Lektion ausliefert.
Dennoch ist eine tiefenpsychologische Behandlung nicht ziellos.
Wir verständigen uns darüber, worunter Sie leiden, was sich verändern soll und woran wir erkennen könnten, dass die Behandlung hilfreich ist. Nur können diese Ziele sich im Verlauf präzisieren. Manchmal kommt ein Mensch wegen Panikattacken und entdeckt, dass sein eigentliches Problem nicht allein die Angst ist, sondern ein Leben, in dem er an keiner Stelle Nein sagen darf.
Auch Diagnosen gehören zu meiner Arbeit. Sie helfen, Beschwerden einzuordnen, Risiken zu prüfen und Differentialdiagnosen zu beachten. Sie sind jedoch nicht die vollständige Theorie des einzelnen Menschen.
Die Diagnose ist eine Landkarte.
Sie ist nicht die Landschaft.
Gibt die Therapeutin auch Antworten?
Ja.
Aber nicht immer die Antwort, die der Patient gerade gern hätte.
Manchmal möchte jemand wissen:
„Soll ich mich trennen?"
Ich kann mit ihm untersuchen, was ihn hält, was ihn forttreibt, welche Hoffnungen realistisch sind und welche alte Beziehung sich womöglich wiederholt.
Die Entscheidung kann ich ihm nicht abnehmen.
Würde ich regelmäßig entscheiden, welche Beziehung, welcher Beruf oder welche Lebensform für meine Patienten richtig ist, entstünde keine größere Freiheit. Es entstünde eine neue Abhängigkeit, diesmal fachlich dekoriert.
Das bedeutet nicht, dass ich mich hinter einer künstlichen Neutralität verstecke.
Wenn ich Gewalt, Ausbeutung, Demütigung oder eine konkrete Gefahr erkenne, benenne ich sie. Ich werde nicht so tun, als seien alle Seiten eines Vorgangs nur unterschiedliche subjektive Wahrheiten.
Auch meine Einschätzung darf erkennbar sein.
Nur soll sie dem Patienten nicht die eigene Urteilsbildung ersetzen.
Tiefenpsychologische Psychotherapie ist keine Schule des Gehorsams gegenüber einer besonders verständigen Autorität. Sie soll einem Menschen ermöglichen, genauer zu erkennen, wodurch er bereits von innen regiert wird.
Woran merkt man, dass eine Therapie wirkt?
Nicht unbedingt daran, dass ein Mensch ständig glücklich ist.
Ein solches Behandlungsziel wäre ohnehin verdächtig. Das Leben hält sich nicht an Therapiepläne und produziert weiterhin Verluste, Kränkungen, schlechte Entscheidungen, körperliche Grenzen und gelegentlich Mitmenschen.
Veränderung kann viel unscheinbarer beginnen.
Ein Mensch bemerkt früher, dass er sich zurückzieht.
Er kann einen Wunsch äußern, ohne ihn sofort zu entwerten.
Er hält einen Konflikt aus, ohne die Beziehung oder sich selbst zu vernichten.
Er unterscheidet besser zwischen gegenwärtiger Gefahr und alter Erwartung.
Er erlebt Schuld, ohne ihr automatisch gehorchen zu müssen.
Er kann abhängig sein, ohne sich vollständig auszuliefern.
Er kann allein sein, ohne sich verlassen zu fühlen.
Manche Symptome verschwinden. Andere verlieren an Stärke. Wieder andere treten noch auf, beherrschen aber nicht mehr das gesamte Leben.
Das Ziel ist nicht, eine vollkommen konfliktfreie Persönlichkeit herzustellen.
Der konfliktfreie Mensch wäre vermutlich entweder tot oder ausgesprochen langweilig.
Es geht um Beweglichkeit und Flexibilität.
Ein innerer Vorgang muss nicht mehr zwangsläufig auf dieselbe Weise enden. Der Mensch gewinnt Autonomie und Wahlmöglichkeiten dort, wo er vorher nur reagieren konnte.
Und was mache ich nun damit?
Kehren wir zu dem Menschen zurück, der weiß, dass er sich immer wieder an unerreichbare Partner bindet.
Was soll er mit dieser Erkenntnis machen?
Zunächst genauer beobachten.
Nicht nur, wen er auswählt. Auch, was ihn anzieht. Wann das Begehren besonders stark wird. Was geschieht, sobald jemand zuverlässig verfügbar ist. Welche Gefühle auftauchen, wenn er nicht kämpfen muss. Ob Ruhe vielleicht nicht nur angenehm, sondern auch leer, fremd oder verdächtig wirkt.
Vielleicht bringt er dasselbe Muster in die Therapie.
Er erwartet wenig, beobachtet genau, ob ich mich zurückziehe, und wählt Themen so aus, dass keine wirkliche Abhängigkeit entsteht. Vielleicht beginnt er irgendwann, meinen Urlaub als persönliche Abwendung zu erleben, sagt jedoch, es sei selbstverständlich überhaupt kein Problem.
Dann liegt die alte Beziehung nicht mehr nur als Geschichte zwischen uns.
Sie geschieht.
Wir können sie untersuchen, während sie lebendig ist.
Der Patient kann aussprechen, was er sonst verbirgt. Er kann erleben, dass ein Gefühl anerkannt wird, ohne dass seine Deutung automatisch zur Tatsache erklärt wird. Ich bin abwesend, weil ich Urlaub habe und seine Erfahrung des Verlassenwerdens ist trotzdem wirklich.
Beides kann nebeneinander bestehen.
Vielleicht erkennt er früher, wann eine Beziehung tatsächlich einseitig wird. Vielleicht verwechselt er Verfügbarkeit nicht mehr automatisch mit Langeweile und Entzug nicht mehr mit großer Liebe.
Dann hat er nicht nur verstanden, woher sein Muster kommt.
Er lebt nicht mehr vollständig darin.
Die Antwort auf die Frage „Und was mache ich jetzt damit?" lautet deshalb nicht: Sie setzen die Erkenntnis anschließend korrekt um.
Sie bemerken, wann das alte Stück wieder beginnt.
Sie hören Ihren Einsatz.
Und irgendwann sprechen Sie nicht mehr ganz selbstverständlich denselben Satz.
(Die geschilderten Beispiele sind frei erfundene und verdichtete klinische Szenen. Sie beziehen sich nicht auf identifizierbare Patientinnen oder Patienten.)
Literatur und weiterführende Quellen
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Freud, S. (1943). Zur Dynamik der Übertragung. In A. Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris & O. Isakower (Hrsg.), Gesammelte Werke (Bd. 8, S. 364–374). Imago Publishing. (Originalarbeit veröffentlicht 1912)
Freud, S. (1946). Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. In A. Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris & O. Isakower (Hrsg.), Gesammelte Werke (Bd. 10, S. 126–136). Imago Publishing. (Originalarbeit veröffentlicht 1914)
Freud, S. (1946). Bemerkungen über die Übertragungsliebe. In A. Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris & O. Isakower (Hrsg.), Gesammelte Werke (Bd. 10, S. 306–321). Imago Publishing. (Originalarbeit veröffentlicht 1915)
Gemeinsamer Bundesausschuss. (2024). Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses über die Durchführung der Psychotherapie (Psychotherapie-Richtlinie), in Kraft getreten am 19. Juni 2024.
Greenson, R. R. (1967). The technique and practice of psychoanalysis (Vol. 1). International Universities Press.
Heimann, P. (1950). On counter-transference. The International Journal of Psychoanalysis, 31, 81–84.
Pollak, T. (2017, 10. November). Was tut der Psychoanalytiker? Eine Einführung. Anmerkungen zur Profession. Vortrag am Frankfurter Psychoanalytischen Institut. Psychoanalyse Aktuell.
Racker, H. (1968). Transference and countertransference. International Universities Press.
Strachey, J. (1934). The nature of the therapeutic action of psycho-analysis. The International Journal of Psychoanalysis, 15, 127–159.
Vogt, T. (2014). Was wird aus dem Symptom, wenn die Störung beseitigt wird? Psychoanalyse Aktuell.
Winnicott, D. W. (1965). The maturational processes and the facilitating environment: Studies in the theory of emotional development. Hogarth Press & The Institute of Psycho-Analysis.
Ausgewählte online zugängliche Quellen
- Freud: Gesammelte Werke, Band X – Internet Archive
- Pollak: Was tut der Psychoanalytiker? – Psychoanalyse Aktuell
- Vogt: Was wird aus dem Symptom, wenn die Störung beseitigt wird? – Psychoanalyse Aktuell
- Strachey: The Nature of the Therapeutic Action of Psycho-Analysis
